Freitag, 21. Oktober 2011

The Last House on the Left (1972)

"To avoid fainting, keep repeating - it's only a movie..."

Das war die Werbezeile zu Wes Cravens Horror-Debüt THE LAST HOUSE ON THE LEFT, der hierzulande auch unter dem Titel "Mondo Brutale" bekannt ist und als einer der ersten Vertreter das "Rape 'N Revenge"-Subgenre miterfand. Die effektive Werbezeile hatte großen Anteil am Erfolg des Films, der auch als "Sex Crime of the Century" und "Krug & Company" in den USA lief.

Der Inhalt basiert - man sollte es kaum glauben - ausgerechnet auf einem cineastischen Meisterwerk von Ingmar Bergman, "Die Jungfrauenquelle" (1960). Die junge Mari Collingwood (Sandra Cassel) will ihren 17. Geburtstag zusammen mit ihrer Freundin Phyllis (Lucy Grantham) in der Stadt feiern. Unterwegs beschließen sie, zur Feier des Tages ein bisschen Gras zu kaufen und geraten an eine Bande Krimineller, angeführt vom gesuchten Mörder und Vergewaltiger Krug Stillo (David Hess). Die Gang bringt die Mädchen in ihre Gewalt und verschleppt sie in die örtlichen Wälder, wo die Frauen gedemütigt, gefoltert und ermordet werden. Als Krug und seine Mittäter ausgerechnet im Haus von Maris Eltern Unterschlupf suchen, müssen diese erkennen, dass sie die Mörder ihrer Tochter beherbergen und gehen auf einen nicht minder brutalen Rachefeldzug...

Diese Story schreit nach Sex und Gewalt, und genau das ist es, was Craven und sein Produzent Sean S. Cunningham (später Regisseur von "Freitag der 13.", 1980) den Geldgebern versprachen, die den "härtesten Horrorfilm aller Zeiten" bei ihnen bestellten. Zwar wurde das geplante Ausmaß der Brutalitäten beim Dreh abgeschwächt, aber THE LAST HOUSE ON THE LEFT gehört noch immer zu den ernüchterndsten, grimmigsten Filmen des Genres, und das weniger wegen drastischer Ekeleffekte (die kaum vorhanden sind), sondern wegen der psychologischen Grausamkeit, die von Anfang an den Film beherrscht.

Craven drehte mit minimalen Budget rund um sein eigenes Wohnhaus mit Freunden, Bekannten, Laien und unbekannten Darstellern, so ähnlich wie es Romero bei seiner "Nacht der lebenden Toten" (1968) vorgemacht hatte. Hauptdarsteller David Hess steuerte nicht nur den Soundtrack bei, sondern zeigt auch als gewaltbereiter Psychopath eine beängstigend glaubwürdige Leistung. Sein Krug Stillo ist kein Wesen aus Frankensteins Labor oder Transsylvanien, sondern ein menschliches Monster, das direkt aus den Nachrichten und der Realität stammt, ein Killer, der jederzeit und ohne nachvollziehbare Motivation zu den schlimmsten Taten fähig ist. Was Michael Haneke mit "Funny Games" (1997) versuchte, hat Wes Craven bereits 25 Jahre zuvor geschafft. Trotz seiner spekulativen, sensationsgierigen Machart und den gewollten Tabubrüchen stellt er hier durchaus die Frage nach der Konsumierbarkeit von Gewalt und zeigt, wie schmal die Grenze zwischen Gut und Böse ist, denn die Eltern der armen Mari Collingwood sind zu ebenso blutrünstigen Taten fähig wie ihre Widersacher. Wes Craven, der zu den intelligentesten Regisseuren im Horror-Bereich zählt, stellt die Gewalttaten immer in einen moralischen Kontext, provoziert niemals Identifikation mit den Tätern oder weidet sich am Leid der Opfer. Nachdem die Bande Phyllis ermordet hat, gibt es einen absolut bedrückenden Moment, in dem die Täter realisieren, was sie getan haben und wie Kinder im Wald herumstehenstehen, mit einem Hauch von Ahnung, wer sie sind und was sie sind. Sie entfernen zitternd Gras, Dreck und Blut von ihren Fingern und können sich nicht gegenseitig in die Augen sehen. Wes Craven vergisst nie, dass er hier Menschen darstellt, keine Cartoonfiguren, so übel diese sich auch verhalten. Das ist unterm Strich der große Unterschied zwischen seinem Kino und dem seiner Nachahmer (und dem Remake, aber dazu später mehr).

THE LAST HOUSE ON THE LEFT ist alles andere als ein fröhliches Popcorn-Movie. Nicht umsonst wurde der Film überall auf der Welt zensiert, gekürzt und beschlagnahmt, auch in Deutschland, wo man Cravens Anti-Unterhaltung mit Gewaltverherrlichung verwechselte (wie üblich). David Hess' Rollenname "Krug" ist übrigens ein Vorbote von Cravens berühmtester Horror-Gestalt "Freddy Krueger", die mehr als 10 Jahre später in die Alpträume von Teenagern eindringen und dem Regisseur seinen größten Hit bescheren sollte.
Cravens
LAST HOUSE weist wegen der Hinterhof-Produktionsbedingungen eine bedrückend authentische Atmosphäre auf. Beim finalen Duell zwischen Krug und Maris Vater etwa muss man als Zuschauer tatsächlich um die Gesundheit der Darsteller fürchten, die ohne Stuntmen mit Kettensäge und anderen Mordwerkzeugen aufeinander losgehen (David Hess sagte in einem Interview, dass sein geschätzter Schauspielkollege keine Ahnung hatte, was er tat, als dieser mit der rotierenden Kettensäge auf ihn losging, und das sieht man!).

Aufgrund der zahlreichen Verstümmelungen, die der Film über sich ergehen lassen musste, existieren mehrere Versionen, keine davon ist wirklich vollständig. Da er nie die Vorgaben der MPAA (die amerikanische FSK) für ein "R-Rating" erfüllt hätte, besorgten sich Craven und Cunningham kurzerhand von der Kopie eines völlig anderen Films das "R"-Zertifikat und brachten ihr Werk heraus, ohne dass die Kontrollstelle ihn jemals zu Gesicht bekommen hat. Für THE LAST HOUSE ON THE LEFT musste Craven viel Kritik einstecken, besonders wegen der Slapstick-Einlagen, mit denen er versuchte, die Härte des Films zu durchbrechen, was er heute bereut. Die Szenen um ein vertrotteltes Sheriffs-Duo, das wie Laurel & Hardy durch den Film stolpert, sind dann auch die schwächsten. Insgesamt ist THE LAST HOUSE ON THE LEFT weit von einem perfekten Film entfernt, aber er hat Qualitäten, die das ausgleichen. Für zartbesaitete Zuschauer ist er nach wie vor nicht gemacht.

THE LAST HOUSE ON THE LEFT wurde durch die bereits erwähnte Werbekampagne und Mundpropaganda schnell zu einem "Sleeper"-Hit und Klassiker des "Midnight Movies". Craven und Cunningham rückten in die vordere Riege des Horror-Genres auf, und ihr Film beeinflusste weitere kontroverse Werke wie "Ich spuck' auf dein Grab" (1978) und "Muttertag" (1980). 2009 inszenierte Dennis Iliadis ein Remake, das zwar mit herben Brutalitäten aufwarten kann, die Geschichte aber in keinen neuen Kontext stellt und keinerlei Substanz bietet. Dass dort z.B. Mari Collingwood überleben darf, mindert komplett die Wirkung des Films und lässt die Racheaktionen der Eltern unmotiviert erscheinen. Wieder einmal hat jemand nichtmal im Ansatz verstanden, was das Original eigentlich auszeichnete und warum es in seiner Zeit so erfolgreich war.

08/10

Krug & Company - Die Täter in "The Last House on the Left"


Wer mehr wissen will, dem empfehle ich das ausgezeichnete Buch "Wes Craven's Last House on the Left: The Making of a Cult Classic", in dem man die gesamte Hintergrundgeschichte sowie Interviews mit allen Beteiligten nachlesen kann.

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