Mittwoch, 30. Juni 2010

Boccaccio '70 (1962)

BOCCACCIO '70 ist ein glänzendes Beispiel für die Kreativität und Kunstfertigkeit des italienischen Films der 60er. In drei heiteren und satirischen Episoden erzählen die Regisseure Federico Fellini, Luchino Visconti und Vittorio de Sica mit Stars wie Sophia Loren, Romy Schneider und Anita Ekberg von Sünde und Moral im zeitgenössischen Italien.

Eine vierte Episode von Mario Monicelli, die sich auf die urbane Arbeiterklasse konzentriert, verblieb nur in der italienischen Fassung und wurde vom europäischen Verleih entfernt, um den Film auf "normale" Kino-Lauflänge zu bringen. Aus Solidarität mit ihrem Kollegen erschienen die berühmten Regisseure seinerzeit nicht in Cannes, wo der Film vorgestellt wurde. In den USA ist mittlerweile eine restaurierte und wundervoll ausgestattete Version des Films auf DVD erhältlich, mit allen vier Episoden in brillanter Qualität.

In der ersten Episode von Fellini steigt Anita Ekberg als Milch-Model von einer gigantischen Werbetafel herab, um einen lüsternen Professor zu verfolgen, der gegen den Verfall der Sitten zu Felde zieht. Als überdimensionale Verführerin räumt sie mit Moral und Doppelmoral auf. - Fellinis Fantasy-Vision fehlt es ein wenig an Schärfe und Witz, dafür sind die Tricks um die riesige Ekberg und den winzigen Professor hervorragend gelungen.

Die zweite (und beste) Episode erzählt von einer Gräfin (Romy Schneider), die herausfindet, dass ihr Playboy-Ehemann (Tomas Milian) regelmäßig mit Callgirls schläft. Selbst gelangweilt von ihrem Dasein, beschließt sie, sich einen Job zu suchen, muss aber einsehen, dass sie nichts kann. Fortan muss ihr Ehemann sie für Sex bezahlen...
Romy Schneider ist unter Viscontis Regie eine Offenbarung. Er war maßgeblich dafür verantwortlich, dass sie sich vom Image des lieben Mädchens befreien konnte und als Schauspielerin ernst genommen wurde. Die Episode ist reines Kammerspiel, das die Gemächer der hochherrschaftlichen Villa nie verlässt. Romy Schneider raucht, telefoniert, flirtet, isst und wechselt einmal komplett ihre Garderobe, während sie über ihr Leben philosophiert, und das alles in Echtzeit. Sie ist dabei unglaublich lebendig, interessant und sexy, man spürt förmlich Viscontis Faszination.

Vittorio de Sica schildert in seiner komödiantischen letzten Episode mit seinem bevorzugten Star Sophia Loren, wie eine komplette männliche Dorfbevölkerung in Aufruhr gerät, als der Rummelplatz in die Stadt kommt. An einem Luftballon-Schießstand gibt es nämlich einen besonderen Hauptgewinn: Sophia Loren! -
De Sica legt hier den gleichen Witz an den Tag wie in seinen "Liebe, Brot und..."-Filmen, seine Zeichnung der "einfachen" Menschen mit ihren einfachen Bedürfnissen und dem Herz am rechten Fleck ist ebenso liebevoll und komisch wie hintersinnig. Loren sorgt für den nötigen Sex-Appeal.

Insgesamt ist BOCCACCIO '70 ein sehenswerter Episodenfilm für Freunde des europäischen Kinos der 60er. Er ist beileibe kein Meisterwerk, aber ausgezeichnete Unterhaltung in herrlich bunten Farben. Für Romy Schneider-Fans ein Muss, weil sie hier eine ihrer besten Leistungen zeigt. In der italienischen Originalfassung spricht sie übrigens selbst!

08/10

Dienstag, 29. Juni 2010

Der Exorzist - Director's Cut (1973/2001)

Zum Film selbst muss man kaum noch etwas sagen, er ist ein anerkannter Klassiker und der neben "Psycho" und "Halloween" einflussreichste aller modernen Horrorfilme. William Friedkins DER EXORZIST hat es geschafft, den Horror in den Mainstream zu befördern und Millionen von Menschen zu begeistern, die sich niemals einen Genrefilm angesehen hätten.

Hervorragende Darsteller, kluge Regie, nie dagewesene Spezialeffekte und die Geschichte um den ewigen Kampf Gut gegen Böse (Teufel = böse, Katholische Kirche... äh, = gut? Lassen wir das an dieser Stelle) lassen den Film heute noch überzeugend wirken.
Die vielen Kritiker, die sich über die konservative Moral mokierten, die naive Bibelauslegung oder die Absurdität der Teufelsmacht, die zu nichts anderem imstande scheint als ein kleines Mädchen dazu zu bringen, Erbsensuppe zu spucken und den Kopf um 360 Grad zu drehen, haben alle übersehen, dass der Film neben seiner vordergründigen Geschichte ganz andere, beunruhigende Qualitäten besitzt und sich mit Fragen beschäftigt, die weit über das Teufelsdrama hinausgehen (Entfremdung Eltern/Kind, psychologische Entwicklung von Scheidungskindern, Horror der modernen Medizin, Machtlosigkeit von Ärzten, Blelastung von Alleinerziehenden, gesellschaftliche Rebellion der Jugend gegen das Establishment, und noch viel mehr), weswegen er auf mehreren Ebenen so viele Menschen in aller Welt anspricht.

Hier haben wir es nun mit dem "Director's Cut" aus dem Jahr 2001 zu tun (im Original: "The Version you've never seen"), der im Kino erstaunlich erfolgreich lief und bewies, dass DER EXORZIST auch 30 Jahre später nichts von seiner Kraft verloren hat. Was hat also diese neue Fassung wirklich zu bieten?

Nr. 1) mehr blitzartige Dämon-Einstellungen, von der es in der ursprünglichen Version nur eine einzige (während Jason Millers Alptraum) gibt. Überflüssig, zudem die angewandte CGI-Technik in dem 70er-Film befremdlich wirkt.

Nr. 2) Die "Spinnen-Szene", um die es bereits viele Gerüchte gab. Regan (Linda Blair) kommt rückwärts auf allen Vieren die Treppe hinunter und speit Blut. Diese Szene war in der alten Version nicht enthalten, weil Regisseur Friedkin sie als irgendwie albern und unzusammenhängend empfand. Und jetzt muss man sagen - das ist sie auch. Ein unfreiwillig komischer Schockeffekt, mehr nicht.

Nr. 3) mehr medizinische Untersuchungen der vom Teufel besessenen Regan. Die Entwicklung von Regans "Krankheit" wird hier ausführlicher dargestellt. Das ist nicht unbedingt nötig, schadet aber auch nicht (und beseitigt einen Continuity-Fehler, der vormals irritierte).

Nr. 4) eine Unterhaltung von Max von Sydow und Jason Miller über die Natur des Bösen. Hier wird noch einmal im Dialog erklärt, was keine Erkläung braucht, nämlich dass der Teufel (oder Dämon) es nicht auf Regan abgesehen hat, sondern auf die Menschen in ihrer Umgebung, die durch Regans Besessenheit in Verzweiflung und Leid getrieben werden. William Friedkin fand stets, dass es dieser Erklärung nicht bedurfte (ganz im Gegensatz zu seinem Autor William Peter Blatty, der - wie alle Autoren - seinen Dialog nicht streichen wollte), und er hatte recht.

Nr. 5) Das Ende. Hier macht die neue Fassung wirklich einen schlimmen Fehler und hängt eine Szene dran, in der die aufkeimende Freundschaft des ermittelnden Lee. J. Cobb mit dem jungen Pfarrer Dyer (William O'Malley) erzählt wird. Überflüssig nicht nur, sie gibt dem Ende auch eine völlig andere, heitere Note und nimmt dem Film damit viel von der verstörenden Stimmung. Außerdem interessieren diese beiden Figuren nur am Rande, und der Dialog zitiert (ausgerechnet!) "Casablanca"!

Andere Neuerungen: der Ton wurde natürlich verbessert. Das bezieht sich allerdings NICHT auf die deutsche Synchronisation, die neu angefertigt wurde, und hier muss man eindeutig sagen, dass sie bei weitem nicht so gut ist wie die 70er-Synchronfassung von Bernhard Wicki. Die Stimmen sind allesamt bekannt aus anderen aktuellen Filmen, sie zerstören die Atmosphäre des 70er-Films (ein Problem, das wir auch von DVD-Veröffentlichungen wie "Exorzist 2" oder "Flammendes Inferno" kennen).

Fazit: Wer die alte Fassung besitzt, ist bestens bedient. Es ist eher ein trauriges Zeichen, dass ein ehemals brillanter Regisseur wie Friedkin mittlerweile nichts anderes mehr zustande bringt als seine Klassiker neu zu bearbeiten (so geschehen mit "Cruising" und "French Connection"). Friedkin hat sich stets gegen die Änderungen am "Exorzisten" gewehrt. Auf dem Audiokommentar der ursprünglichen Fassung wettert er noch vehement gegen die Einfügung der fehlenden Szenen, und es gab einen öffentlichen Disput zwischen ihm und Autor William Peter Blatty, der diese Sequenzen unbedingt im Film haben wollte.

Die Moral von der Geschichte: Wenn man noch ein paar Euro verdienen kann, was ist da schon künstlerische Integrität? That's Showbusiness!

10/10 (so oder so)

Sonntag, 27. Juni 2010

The Abyss (1989)

James Camerons Mega-Projekt THE ABYSS ging im Kino sang- und klanglos unter, bis heute ist es schwer, eine Erklärung dafür zu finden. Der Film bietet enorme Schauwerte und ist mit seiner pazifistischen Botschaft, der Abrechnung mit dem Wettrüsten der Supermächte und dem Macho-Kino à la Stallone und Schwarzenegger ein mehr als gelungener Kommentar zum ausgehenden Jahrzehnt.
Möglicherweise waren viele Zuschauer von der Spielberg'schen Naivität Camerons enttäuscht, vielleicht war auch die Übersättigung an Unterwasserfilmen Schuld, die sich alle beeilten, vor Camerons Werk die Kinos zu erreichen ("Leviathan", "Deepstar Six", etc.).
Sei es, wie es will, die Qualität von ABYSS steht in keinem Verhältnis zum finanziellen Misserfolg. Glücklicherweise konnte sich der Film in den Jahren einen sehr guten Ruf zurückerobern.

Die Story: die Crew einer Tiefsee-Ölbohrstation soll das gesunkene Wrack eines Atom-U-Bootes untersuchen. Dabei wird von Mitgliedern des Militärs, die die Erforschung überwachen sollen, ein nuklearer Sprengkopf heimlich sichergestellt. Ein Hurricane schneidet die Station kurz darauf von der Außenwelt ab, und die Protagonisten bekommen Besuch von Außerirdischen, die tief unter dem Meeresspiegel auf dem Grund eines endlosen Abgrunds leben...

Zugegeben, das letzte Drittel mit der unheimlichen Begegnung der dritten Art ist einfach zu schlicht und nett geraten. Gerade nach dem grimmigen Spektakel "Aliens" (Camerons bis heute bestem Film) muten die lieben Wesen mit den Kulleraugen und hübschen lila Farben eher befremdlich an (wir denken mit Schaudern an De Palmas Mars-Wesen in "Mission to Mars"). Einige dümmliche Dialoge (wie Ed Harris' Begrüßung der Außerirdischen: "Na, wie geht's euch denn?") verstärken leider diesen Eindruck.

Nichtsdestotrotz sind die Spezialeffekte für die Aliens (sowie den Rest des Films) unglaublich gut gelungen und können heute noch überzeugen. ABYSS erhielt einen Oscar für die visuellen Effekte, insbesondere der "Morphing"-Effekt, den Cameron in seinem folgenden "Terminator 2" zur Perfektion entwickeln sollte, bildet die Grundlage für viele der heutigen CGI-Techniken.
Praktisch alles in ABYSS macht den Eindruck, als würde es tatsächlich funktionieren (und hat es größtenteils auch), Camerons Film ist weit entfernt von den blinkenden Lämpchen und Pappkulissen, die ähnliche Filme anbieten.

Aber nicht nur die Ausstattung hat Schwerstarbeit geleistet, sondern auch die Darsteller. Gedreht wurde in einem verlassenen Kernreaktor, alle Schauspieler tauchen selbst, und man sieht ihnen die Anstrengung in jeder Filmminute an. So entsteht ein geradezu faszinierender Realismus, der ABYSS weit aus der Masse an Action-Spektakeln heraushebt.
Sind die Figuren nicht gerade differenziert geschildert (Camerons Stärke als Drehbuchautor liegt nicht gerade in der Komplexität seiner Charaktere), hat Cameron doch einen Cast zusammengestellt, der ebenso sympathisch wie eindringlich agiert. Ed Harris ist geradezu eine Offenbarung als sensibler Kommandant, der seinen Ehering aus Wut ins Klo wirft und ihn kurz darauf wieder herausholt. Der starke, aber verletzliche Held (dazu gehört auch Bruce Willis im ersten "Stirb langsam"), der auch Humor besitzt und Angst zeigen kann, löst hier den stumpfen Muskelprotz-Typ ab, der das Kino der 80er beherrschte.
Mary Elizabeth Mastrantonio zeigt als Harris' (Noch-)Ehefrau eine ebenso beeindruckende Leistung. Wenn sie sich im letzten Drittel opfert und in Harris' Armen ertrinkt, um dann wiederbelebt zu werden, erreicht ABYSS einen emotionalen Höhepunkt, der zwar knapp am Kitsch vorbeischrammt, aber nichtsdestotrotz berührt.

Die Action-Sequenzen sind perfekt inszeniert. Sei es die Unterwasser-Katastrophe nach Beginn des Hurricanes, die beklemmende Untersuchung des Schiffswracks samt erster Begegnung mit der außerirdischen Intelligenz, die Materialschlacht zwischen Harris und seinem Gegenspieler Michael Biehn (hervorragend in einer ungewohnt "bösen" Rolle), Harris' Sturz in den Abgrund und Entschärfung des Sprengkopfes (inklusive des immer schönen "Der gelbe oder der blaue Draht?") oder der Moment, wenn eine Wassersäule lebendig wird und die Station "durchsucht" - ABYSS kann so viele unvergessliche Sequenzen vorweisen, dass es unverständlich scheint, warum so viele Fans sich enttäuscht zeigten.

Camerons später gezeigte "Director's Cut" von knapp 3 Stunden enthält neben vielen neuen Details ein verändertes Finale, in welchem die Aliens die Menschheit mit einer gigantischen Flutwelle bedrohen. Das ändert aber nichts an der Naivität des Films (die Aliens überlegen es sich anders, weil sie sehen, dass Harris und Mastrantonio sich aufrichtig lieben), außerdem zerstört es komplett die Geschlossenheit und mühevoll aufgebaute Klaustrophobie des Films.
Diese Fassung wurde allgemein bejubelt, ich ziehe dennoch die Kinoversion vor, übrigens auch bei "Aliens", wo der Director's Cut große Schwächen offenbart und hoffnungslos sentimental wird - leider Camerons Schwachstelle.

Als Freund von Unterwasserfilmen habe ich THE ABYSS im Kino geliebt und liebe ihn weiterhin, er ist ein fantastisches, gewaltiges Abenteuer. Das Making Of zeigt sehr anschaulich, unter welch schwierigen Bedingungen er entstand, und was die Schauspieler durchmachen mussten, um Camerons Vision zum Leben zu erwecken.

7,5/10

The Lonely Lady (1983)

Enthüllungs-Filme über die Skandale hinter den Kulissen des Showbusiness schreien danach, Trash-Klassiker zu werden ("Valley of the Dolls", 1967, "Showgirls", 1995). Und so ist auch THE LONELY LADY, nach einem Schund-Bestseller von Harold Robbins, eine einzige Peinlichkeit von vorne bis hinten, ein Film, der so oft ausgelacht, ausgebuht und verrissen wurde, dass es schon an Leichenfledderei grenzt, ihn zu besprechen.

Aber auf der anderen Seite - warum nicht?

Die Probleme beginnen mit der Hauptrolle - Pia Zadora. Was auch immer Zadoras Multimillionär-Ehemann an seiner Frau gefunden haben mag, Talent besitzt sie weder als Schauspielerin noch als Sängerin, trotzdem aber belästigte sie die Welt in den 80ern unentwegt mit ihrer Präsenz - ähnlich wie heute Paris Hilton, nur dass Zadora wirklich niemand sehen wollte.

In THE LONELY LADY spielt Zadora eine junge Autorin, die einen Schülerpreis gewinnt (Zadora als High School -Absolventin mit Zöpfchen, ein Brüller der besonderen Art) und in Hollywood Karriere als Drehbuchautorin machen will. Auf einer ausufernden Party wird sie von einem sehr jungen Ray Liotta (der wahrscheinlich THE LONELY LADY gern aus seiner Filmografie streichen würde) mit einem Gartenschlauch vergewaltigt - der erste "Höhepunkt" dieses Schundfilms. Danach heiratet sie den 50 Jahre älteren Lloyd Bochner (das ist der ältere Herr, der im "Denver-Clan" von seiner fiesen Gattin Alexis zu Tode ge...äh...dingst wurde), beginnt ein Verhältnis mit dem verheirateten Schauspieler Jared Martin (bekannt aus "Dallas"), verfällt dem Alkohol, wandert von einem Bett zum nächsten, konsumiert Drogen, lässt eine Abtreibung vornehmen und landet schließlich einen Riesenhit, für den sie erneut einen Preis bekommt (immer schön, wenn sich die Kreise schließen). Auf der Preisverleihung erklärt sie der ganzen Welt (Drehbuchpreise werden hier grundsätzlich live über den ganzen Erdball übertragen), dass sie sich nach oben geschlafen hat und keine Selbstachtung mehr besitzt (natürlich nicht, sie ist Pia Zadora!), bevor sie vom Publikum hinausgebuht wird.

Die Weltsicht von Harold Robbins ist folgendermaßen zusammenzufassen: Alle Männer sind Schweine, und alle Frauen nymphoman. Punkt. Wahrscheinlich ist er nicht oft rausgekommen, aber seine Bücher wurden allesamt Beststeller. Die Verfilmungen sind Trash-Ikonen, von denen THE LONELY LADY wohl die dümmste ist. Die Highlights: Pia nackig auf einem Billardtisch, während ihr ebenfalls nackter Lover die Kugeln stößt (ähem), Pia angezogen unter der Dusche (da hat sie wohl etwas durcheinander bekommen), Pia - dem Wahnsinn nahe - mit Visionen von Schreibmaschinen-Tasten, die sich in Gesichter verwandeln, Pia und Lloyd Bochner bei der Klärung ihrer Ehe (er nimmt den Gartenschlauch und fragt: "Or is this more your kick?"), sowie Pias erste Begegnung mit Rüpel Ray Liotta (der ihren Schülerpreis anschaut und sagt: "Looks like a penis!").

Dazu wird an jeder passenden und unpassenden Stelle ein Popsong eingespielt, ganz besonders der Titelsong zieht einem die Schuhe aus. Pia Zadora wechselt niemals ihren Püppchen-Gesichtsausdruck (im Grunde sieht sie wie eine aufblasbare Sex-Puppe aus, insofern stimmt die Besetzung), alle übrigen Darsteller verzichten dankend auf Großaufnahmen, weil Freunde und Bekannte sie erkennen könnten. Inszeniert ist THE LONELY LADY wie eine Folge aus dem "Denver-Clan", alle Szenen spielen entweder in Restaurants, Schlafzimmern oder auf Parties.
Die Passagen, in denen Pias "Schreibtalent" erzählt wird, sind herrlich absurd - so besteht ihre größte Leistung als Autorin darin, bei einer Beerdigungs-Szene die Hauptdarstellerin "WARUM?" schreien zu lassen, bevor diese sich auf den Sarg wirft - was angeblich alle Kritiker im Film zu Lobeshymnen hinreißt. Äh, ja, ich glaube kaum...

Das gute, alte Europa bekommt auch noch sein Fett weg. Als Pia nämlich von Hollywood genug hat, geht sie kurz nach Italien, um ihr Drehbuch zu verkaufen, trifft dort Produzent Carlo Peroni (nein, nicht Peperoni, obwohl er gleich scharf auf Pia ist) und wird von dessen lesbischer Ehefrau gleich angebaggert und zum Dreier genötigt (nach welchem die o.a. angezogene Dusche folgt, weil Pia sich so schmutzig fühlt). Merke: die Amerikaner treiben es zwar wild, aber die Europäer sind pervers!

Ich empfehle THE LONELY LADY in einer Doppelvorstellung mit "Tal der Puppen". Garanten für einen geilen Abend.

02/10

Samstag, 26. Juni 2010

Der Fluch des Dämonen (1957)


Jacques Tourneur, Schöpfer von "Katzenmenschen" und "Ich folgte einem Zombie", schuf spät nach seinen Meisterwerken noch einmal einen Film, der in Stil und Inhalt an seine alten Arbeiten anknüpft und diese vielleicht sogar übertrifft.
DER FLUCH DES DÄMONEN ("Curse of the Demon", auch bekannt als "Night of the Demon") steht in bester Val Lewton-Tradition (der 1951 bereits verstorben war) und ist einer der wundervollsten, spannendsten und schaurigsten S/W-Horrorfilme aller Zeiten.

Dana Andrews spielt in diesem Okkult-Thriller den amerikanischen Wissenschaftler Holden, der in England an einem parapsychologischen Vortrag teilnehmen will, stattdessen aber den Tod eines Kollegen aufklären muss, der unter mysteriösen Umständen das Zeitliche segnete. Die Bekanntschaft mit dem Okkultisten Karswell (Niall MacGinnis) lässt den Rationalisten Holden bald zweifeln, ob es nicht doch übernatürliche Phänomene gibt - ganz besonders, als er von Karswell mit einem uralten Fluch belegt wird, der sich zu erfüllen scheint...

Die Geschichte des "Ungläubigen", der aufgrund unheimlicher Ereignisse die Existenz des Übernatürlichen anerkennt, ist ein bekanntes Leitmotiv zahlreicher exzellenter Horrorfilme (wie "Night of the Eagle", 1962), aber nie ist es so schaurig-schön umgesetzt worden wie von Tourneur.
Der besagte Fluch beinhaltet das Auftauchen des titelgebenden Dämons, den Tourneur - ein Meister der Suggestion - lediglich andeuten wollte. Sein Produzent Hal Chester war anderer Ansicht und baute die Nahaufnahme eines Ungeheuers ein, was Tourneur zwar entsetzte, glücklicherweise aber ist die Kreatur so originell gestaltet, dass sie den Film und den Spannungsaufbau nicht kaputt macht (siehe unten).

Tourneur kreiert einige atemberaubende Sequenzen. In einer besucht Holden den Magier Karswell auf dessen Landsitz, wo gerade ein Kindergeburtstag gefeiert wird. Der dubiose Professor ist als Clown maskiert, und unter dieser Maske strahlt er mehr Bösartigkeit aus als jedes übliche Horror-Geschöpf. Um Holden seine Macht zu beweisen, entfacht er einen gewaltigen Sturm, der Holden (und den Zuschauer) das Fürchten lehrt. Karswell selbst wird dabei gegen jedes Klischee als Muttersöhnchen gezeichnet, und das Aufeinandertreffen von Andrews und MacGinnis knistert vor Untertönen.

Der "Fluch" wird mittels eines Papierstreifens mit geheimnisvollen Runen weitergereicht, und das Finale, in dem Andrews in einem Zugabteil verzweifelt versucht, das Papier an MacGinnis zurückzugeben und den Fluch dadurch zu stoppen, sorgt für stark erhöhte Herzfrequenzen. Das Ende präsentiert eine wunderbare Umkehrung von Andrews' Schicksal (Karswell/MacGinnis wird selbst vom Dämon heimgesucht, während er panisch über die nächtlichen Gleise stolpert).

Jacques Tourneur hat einige der schönsten und unvergesslichsten Horrorfilme geschaffen. DER FLUCH DES DÄMONEN ist vielleicht die Krone seiner Schöpfung.

10/10

Das ungewollte Ungeheuer

Inferno 2000 (1977)

Italienische Regisseure haben nie einen US-Kinohit gesehen, den sie nicht umgehend imitieren wollten.
Alberto de Martino kopierte bereits mit seinem "L'Anticristo" (1974) schamlos den "Exorzist", drei Jahre später recycelte er mit INFERNO 2000 ("Holocaust 2000" oder "The Chosen", als US-DVD unter dem Titel "Rain of Fire" veröffentlicht) ebenso dreist "Das Omen" (1976).

Kirk Douglas, seit De Palmas "Teufelskreis Alpha" (1978) Horror-erprobt, spielt in diesem Okkult-Thriller einen mächtigen Industriellen, der gerade im Begriff steht, im mittleren Osten ein Atomkraftwerk zu bauen, und das ausgerechnet in der Nähe einer heiligen Stätte. Als sich aber mehrere bizarre Todesfälle ereignen und er schließlich erfährt, dass es sich bei seinem eigenen Sohn (Simon Ward) um den Antichristen handelt (man erfährt so etwas immer als letzter!), welcher mit einer Sprengung des Reaktors das Ende der Welt einläuten will, muss Kirk handeln...

Spartacus gegen den Sohn des Satans - wenn das kein Konzept ist!
Hauptattraktion von "Das Omen" waren die einfallsreichen Todesarten, und Alberto de Martino wiederholt dieses Rezept in INFERNO 2000 ohne Rücksicht auf Verluste. Auch wenn er spannungsmäßig nicht mit dem Vorbild mithalten kann, inszeniert er einige spektakuläre Sequenzen: ein Premierminister auf Staatsbesuch wird durch ein Hubschrauber-Rotorblatt um einen halben Kopf kürzer gemacht, der Insasse einer Nervenheilanstalt schneidet sich mit einer zerbrochenen Brille die Pulsadern auf, Wissenschaftler Anthony Quayle wird von einer elektrischen Glastür zerquetscht. Wirklich trashig wird der Film, als Douglas merkwürdige Alpträume entwickelt, in denen er splitternackt durch eine Salzwüste rennt (mitsamt faltigem Hinterteil) und von siebenköpfigen Ungeheuern (das geplante Kernkraftwerk sieht so ähnlich aus) verfolgt wird, die aus dem Meer steigen.

Für die erste Stunde läuft INFERNO 2000 auf Hochtouren, danach nimmt er plötzlich einen Umweg und erzählt "Rosemaries Baby" (1968). Schon blöd, wenn man nicht mehr weiß, welchen Film man gerade kopiert. Das ist alles wahnsinnig unterhaltsam, und Alberto de Martinos Anspielungen auf die Bibel sind ebenso offensichtlich wie lustig - so stellt er z.B. eine Aufsichtsratsitzung dem letzten Abendmahl nach. Kirk Douglas' Präsenz verleiht dem Film eine gewisse Respektabilität, Simon Ward ist ein wundervoll eiskalter Antichrist, und Ennio Morricones Soundtrack ist besser als seine "Exorzist II"-Komposition.

Vom Ende übrigens existieren zwei Fassungen. In einer flüchtet sich Douglas mit seiner Geliebten in eine Art Hippie-Leben abseits von Zivilisation und Kapitalismus (da stand wohl Antonioni Pate), in der anderen sprengt Douglas eine Aufsichtsratsitzung mitsamt seinem Sohn in die Luft.

Alles in allem italienisches Retorten-Kino, aber mit schöner 70er-Atmosphäre und Schmackes.

08/10

Die Fürsten der Dunkelheit (1987)

Nach dem Mega-Flop "Big Trouble in Little China" besann sich John Carpenter auf seine Wurzeln und kehrte mit DIE FÜRSTEN DER DUNKELHEIT (Prince of Darkness) zu seinem geliebten B-Kino zurück. Ohne viel Geld oder Stars, unter dem kleinen Label "Alive Films", inszenierte er diese düstere, spannende Teufelsgeschichte und konnte viele Fans zurückgewinnen.

Carpenters Stamm-Darsteller Donald Pleasence (in einer seiner letzten brillanten Darstellungen) kommt als Priester einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur - im Keller einer verlassenen alten Kirche befindet sich ein verschlossenes Gefäß mit einer grünen Flüssigkeit (kurz "Lavalampe" genannt), in der angeblich seit über 2000 Jahren der Sohn des Satans gefangen gehalten wird. Mit Hilfe einer Gruppe von Wissenschafts-Studenten soll geklärt werden, um was genau es sich dabei handelt, doch der Satan hat schon mit seiner Arbeit begonnen. Die grüne Flüssigkeit infiziert einen Studenten nach dem anderen, ein Wirtskörper wird für die Wiedergeburt des Teufels auserkoren, und die Eingeschlossenen müssen um ihr Leben kämpfen...

Das klingt alles reichlich absurd, und tatsächlich bricht der Film fast unter der Last der vielen Logik-Fragen zusammen, aber eben nur fast. Carpenter nimmt das Geschehen sehr ernst, und obwohl die vielen wissenschaftlichen Erklärungen, die von Professor Victor Wong unentwegt gesprochen werden, reinster Humbug sind, wirkt die Handlung auf fantastische Weise überzeugend, weil sie sich in einem eigenen Kosmos abspielt und glaubwürdig vorgetragen wird. Carpenters Ansatz für das "Böse" als Materie funktioniert tatsächlich.

Die beklemmende Situation für die bedrohte Gruppe (man denkt wohlig an "The Fog" und "The Thing" zurück) ist hochspannend inszeniert und intensiv, die Effekte sind weniger teuer als einfallsreich. Das Finale wartet mit ein paar wundervollen Sequenzen auf. So sehen wir den Teufel (gottseidank) nie als Gestalt, sondern nur seine verschwommene Klaue, die auf der anderen Seite eines Spiegels (dem Jenseits) nach dem Diesseits greift. Die Fluchtversuche der Gruppe werden von einer Gruppe Obdachloser verhindert (angeführt von Rocker Alice Cooper). - Warum Obdachlose mit Insekten gleichgestellt werden (beide werden vom Satan kontrolliert), ist zwar nicht ganz klar, aber bei Carpenters bekannt liberaler politischer Gesinnung kann das als Fauxpas durchgehen und war sicher nicht so gemeint.

DIE FÜRSTEN DER DUNKELHEIT bietet übrigens die wohl längste Vorspann-Sequenz der Filmgeschichte. Das Drehbuch hat Carpenter selbst unter dem Namen Martin Quatermass verfasst, eine Anspielung/Hommage an Sci-Fi-Autor Nigel Kneale ("Quatermass and the Pit").

Der Film ist kein Meisterwerk (einige der Darsteller agieren amateurhaft, und besonders Hauptdarsteller Jameson Parker mit seinem Proleten-Schnauzbart bleibt blass), doch was Spannung und Ideen anbelangt, können es nur wenige mit Carpenter aufnehmen. Kamera und Musik (wie üblich vom Meister selbst) sind gewohnt fantastisch, und eine im Blockbuster-Kino ungewohnte Bescheidenheit macht DIE FÜRSTEN zu einem der besten Horrorfilme der späten 80er.

09/10

Die Krays (1990)

"Männer sind doch ihr Leben lang Kinder", sagt Tante Rose, und in diesem Fall sind es sehr böse Kinder.

Peter Medaks DIE KRAYS (The Krays) schildert den Aufstieg und Fall der Gangster-Brüder Ronnie und Reggie Kray (Steve und Martin Kemp), die in den 60ern die Londoner Unterwelt beherrschten. Ermutigt von ihrer Mutter (Billie Whitelaw) versetzten sie die gesamte Stadt in Angst und Schrecken. Während Reggies Ehefrau (Kate Hardie) sich mit ihrer Rolle als Gangsterbraut nicht anfreunden kann und langsam dem Alkohol und Wahnsinn verfällt, versucht der homosexuelle Ronnie seine privaten Probleme mit Brutalität zu kompensieren...

Peter Medak ist mit den KRAYS ein atmosphärisches und spannendes Gangsterdrama gelungen, dem zwar die psychologische Brillanz eines "Goodfellas" oder die Exzessivität eines "Scarface" fehlt, das aber im etwas kleineren Rahmen absolut überzeugen kann. Die Besetzung ist dabei interessant gewählt. 80er-Fans kennen die Kemp-Brüder noch als Mitglieder der Pop-Band "Spandau Ballet", beide zeigen hier gute Leistungen in ihren schwierigen Rollen, wobei Gary den deutlich unterhaltsameren Part übernommen hat. Als schwuler Drogenboss mit leicht inzestuösen Neigungen (sehr deutlich bei einem Rummelplatz-Boxkampf der jungen Brüder, bei der Garys Kampflust klar sexuell motiviert ist) spielt er einen wirklich beängstigenden Psychopathen, der jederzeit zu allem fähig ist (wobei die Verbindung schwul/irre nicht unproblematisch ist), während Martin Kemp trotz seiner Taten der "gute Junge" bleibt, ein Muttersöhnchen, das sich Sorgen um seine labile Frau macht. Als Mama brilliert die wundervolle Billie Whitelaw, unvergessen als Kindermädchen des Satans in "Das Omen".

Fans von Gangsterdramen kommen bei dieser britischen Produktion absolut auf ihre Kosten. Der Film ist elegant gefilmt, gut ausgestattet und ebenso spannend wie sexy, obwohl ihm vielleicht die eine oder andere große Sequenz, die ihn nachhaltig in Erinnerung brächte, fehlt.
Im Kino ging DIE KRAYS leider unter und ist auch heute noch weitgehend unbekannt. Die deutsche Fassung ist nach wie vor ab 18 freigegeben, was man nicht wirklich nachvollziehen kann.

08/10

The Black Cat (1934)

Mit Edgar Allan Poes Geschichte hat diese Horror-Verfilmung der Universal zwar wenig zu tun (außer dass ab und an eine schwarze Katze durchs Bild huscht), dennoch zählt THE BLACK CAT zu den großen Klassikern des Horrorfilms und ist vielleicht die beste Zusammenarbeit der beiden Genre-Ikonen Bela Lugosi und Boris Karloff.

Der Psychiater Werdegast (Lugosi) reist nach Ungarn, um sich am Architekten Poelzig (Karloff) zu rächen, der vor mehr als 15 Jahren Lugosis Frau und Tochter gestohlen und die Tochter mittlerweile geheiratet hat. In seiner Begleitung befindet sich ein junges Flitterwochen-Paar (David Manners und Jacqueline Wells), das aufgrund eines Unfalls ebenfalls Zuflucht in Karloffs düsterer Behausung sucht. Während Lugosi Rachepläne schmiedet, bittet der Hausherr einige Gäste zu einer Teufelsanbetung, bei der die junge Durchreise-Braut geopfert werden soll. Lugosi befreit die Dame, tötet Karloff (indem er ihm bei lebendigem Leib die Haut abzieht!) und sprengt - selbst durch eine Kugel aus Manners Revolver dem Tod geweiht - das Haus in die Luft. Das junge Paar kann entkommen.

Mit nur 62 Minuten Spielzeit steckt THE BLACK CAT voller abstruser Handlung, schauriger Charaktere (mit Ausnahme des langweilig-netten Hochzeitspärchens) und jeder Menge bizarrer Set Pieces. Die Bauten der Karloff-Behausung, insbesondere der Raum, in dem er mit seinen Satanisten den Teufel beschwört, ist purer Expressionismus von Cailgari'schen Ausmaßen. So bewahrt er z. B. seine verflossenen Frauen konserviert in Glasvitrinen auf...

Das Aufeinandertreffen der Genre-Legenden und ewigen Rivalen Lugosi und Karloff birgt dabei viel Zündstoff. Lugosi, der eigentlich den positiveren Part spielt, ist dabei mindestens so furchterregend wie sein Gegenspieler und offenbart im Finale selbst grausam-sadistische Züge.
Die Teufelsbeschwörung spricht Karloff übrigens in Latein und verwendet darin schlitzohrig einige bekannte lateinische Sprichwörter, die mit Satan so gar nichts zu tun haben. Aus heutiger Sicht amüsant ist der Selbstzerstörungs-Schalter ("Es war der rote, nicht wahr?" fragt Lugosi), der in keinem Laboratorium und Universal-Gemäuer fehlen darf.

Lugosis Katzen-Phobie, die wahrscheinlich Poe geschuldet ist, hat für die Handlung keine weitere Bedeutung. Tatsächlich findet sich in den Werken Poes nicht ein einziger Satz zum Thema Teufel oder Satanismus. Karloffs Poelzig ist eher nach dem Magier Aleister Crowley gestrickt.

07/10

Freitag, 25. Juni 2010

Was ist denn bloß mit Helen los? (1971)

Regisseur Curtis Harrington widmete sich mit seinem Psycho-Thriller WAS IST DENN BLOSS MIT HELEN LOS? (What's the Matter With Helen?) dem bereits auslaufenden Genre des Alte-Damen-Kinos, das durch Aldrichs "Baby Jane" ins Leben gerufen wurde.

Wir schreiben 1934. Die Freundinnen Shelley Winters und Debbie Reynolds verlassen in diesem Schocker ihr Kleinstadtkaff, nachdem ihre Söhne gemeinsam einen Mord begangen haben und verurteilt wurden, weshalb unsere Heldinnen von anonymen Telefonanrufern und anderem Gesocks gemobbt werden. Sie ziehen nach Hollywood, wo Reynolds (die ja als Musical-Star der 50er Erfahrung hat) ein Tanzstudio für Kinder eröffnet. Während sich die lebenslustige Reynolds in ihrem neuen Umfeld gut zurecht findet und einen charmanten Millionär (Dennis Weaver) kennen lernt, dreht die introvertierte Winters immer mehr durch und entwickelt einen religiösen Schuldkomplex. Es hilft auch nicht, dass sie zwischenzeitlich Visionen von ihrem Gatten hat, der von einer landwirtschaftlichen Maschine zerhackstückt wurde (raten Sie mal, wer am Steuer saß...). Bald schon brennen alle Sicherungen bei ihr durch, und es gibt die ersten Toten...

Trotz des geringen Budgets gelingt es Harrington bewundernswert, die Atmosphäre der 30er zu kreieren, und insbesondere Debbie Reynolds, für die das Genre des Psycho-Thrillers Neuland war, überzeugt mit einer fabelhaften Leistung. In einer Nebenrolle ist Agnes Moorehead als religiöse Heilsbringerin zu sehen, die schamlos (natürlich) den Gläubigen das Geld aus der Tasche zieht. Die Spannung lässt gelegentlich nach, um die Romanze zwischen Reynolds und Weaver zu schildern, doch das makabere Finale, in welchem Winters zuerst ihre Kaninchen und dann einen unheimlichen Mann von der Versicherung um die Ecke bringt, bevor sie sich mit der Schere auf Reynolds stürzt, ist haarsträubend genug inszeniert und endet mit einer sehr bitteren Pointe - die übrigens auf dem Plakatmotiv bereits verraten wird!

Den größten ungewollten Schrecken erzielt Harrington allerdings mit einer Tanzaufführung der Reynolds-Schützlinge, bei der eine Minderjährige (!) als sexy Mae West-Imitation auftritt und schmutzige Lieder singt. Das hinterlässt leider einen sehr unangenehmen Nachgeschmack - so etwa wie die Mini-Playback-Show.

09/10

Das Haus der blutigen Hände (1968)

Aus der Reihe "Wenn Diven morden", die Mitte der 60er Jahre populär wurde (dank Aldrichs "Was geschah wirklich mit Baby Jane"), stammt dieser unspektakuläre Vertreter des Horrorkinos.

Stella Stevens spielt hier die Assistentin der wohlhabenden Shelley Winters, die in ihrem ausladenden Landsitz residiert. Stevens' jüngere Geschwister werden gerade aus der Nervenklinik entlassen, weil sie vor Jahren die gemeinsamen Eltern ermordet haben (oder nicht)? Mrs. Winters ist natürlich nicht begeistert, als sie das herausfindet, und als dann auch noch der kuschelige Haushund mit einer abgeschlagenen Hand durch die Landschaft läuft, überschlagen sich die bizarren Ereignisse...

Unter der teilnahmslosen Regie von TV-Regisseur Bernard Girard kann DAS HAUS DER BLUTIGEN HÄNDE (The Mad Room) nur durch seine beiden Darstellerinnen überzeugen. Shelley Winters gibt mal wieder die egozentrische Matrone, diese Rolle hat sie perfektioniert und wirkt darin recht sympathisch. Der "irre" Part kommt hier Stella Stevens zu, die so unglaubliche Frisuren und dermaßen gerüschte Kleidchen trägt, als stamme sie direkt aus dem Puppen-Vorrat eines Teleshopping-Kanals.
Stevens richtet für ihre vorgeblich geisteskranken Geschwister einen "Mad Room" im Haus ein, indem sie meditieren können, die größte Klatsche aber hat sie selbst. Natürlich war Stella verantwortlich für das Ableben der Eltern und murkst am Ende alles ab, was ihr vor den Schürhaken kommt, bevor sie mit Blut als Fingerfarbe Blumen an die Spiegel malt und Kinderlieder trällert. Diese "überraschende Wendung" ist übrigens auf zehn Meilen vorhersehbar.

Der Hund mit der abgetrennten Hand in der Schnauze wurde später von David Lynch für "Wild at Heart" zweckentfremdet, ansonsten ist DAS HAUS DER BLUTIGEN HÄNDE kaum zu sehen und längst in Vergessenheit geraten. Wer Shelley Winters in einem besseren Beitrag des "Psycho-Seniorinnen"-Kinos sehen will, sollte sich Curtis Harringtons "Was ist denn bloß mit Helen los?" anschauen.

07/10

Wo ist denn nur die Schraube hin, die eben noch locker saß?

Donnerstag, 24. Juni 2010

Die alte Jungfer (1939)

Nach ihrem Oscar für "Jezebel" (1938) und dem phänomenalen Erfolg von "Reise aus der Vergangenheit" (Now, Voyager, 1942) drehte Bette Davis auf dem Höhepunkt ihrer Karriere einen großen Film nach dem anderen.
Dazu zählt auch DIE ALTE JUNGFER (The Old Maid), der erneut unter der Regie ihres "Voyager"-Regisseurs Edmund Goulding entstand.

Die Handlung des Dramas ist nicht leicht nachzuerzählen, aber in Kürze: während des Bürgerkrieges bekommt die junge Bette Davis heimlich ein Kind von (Stamm-Partner) George Brent, der eigentlich in Davis' Schwester Miriam Hopkins verliebt ist, welche ihn aber wegen seiner Unzuverlässigkeit abweist und lieber eine Vernunftehe eingeht. Brent stirbt im Krieg, die unverheiratete Davis zieht ihre Tochter Tina in dem Glauben auf, ein Waisenkind zu sein. Als Hopkins die Wahrheit erfährt, verhindert sie durch eine Lüge die Hochzeit von Davis. Die Jahre vergehen, und aus Davis wird die "alte Jungfer", während die pubertäre Tochter Tina ihre schöne Tante Miriam Hopkins als Vorbild und Mutterersatz wählt. Als Tina selbst heiraten will, entscheidet sich Davis, ihrer Tochter endlich die Wahrheit zu sagen...

Das klingt etwas verwirrend, ist aber in der filmischen Umsetzung klar erzählt. Nach dem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Bühnenstück von Zoe Atkins beschreibt Edmund Goulding die dramatische Handlung anhand der Hochzeiten, die in jedem Akt gefeiert werden, bevorstehen oder abgesagt werden.

DIE ALTE JUNGFER ist in erster Linie ein atemberaubendes Duell zweier Schauspielgrößen, Miriam Hopkins und Bette Davis. Diese beiden Leading Ladies verband auch eine private Rivalität, weil beide zu den Favoritinnen ihres Lieblingsregisseurs William Wyler zählten. Hopkins darf in DIE ALTE JUNGFER den glamourösen Part übernehmen. Während Bette Davis in der zweiten Filmhälfte unansehnlich und alt zurechtgemacht wird, darf Hopkins für den Rest des Films schön und lebendig sein. Beide schenken sich in ihren gemeinsamen Szenen nichts, dennoch versucht keine, die Kollegin an die Wand zu spielen. Sie sind beide hochprofessionell und entzünden ein wahres Feuerwerk an leidenschaftlichem Spiel.

Bette Davis zeigt dabei ein sehr kontrollierte Darstellung, die eines William Wyler würdig wäre. Es ist ein Genuss, Davis zuzuschauen. Wie sie Räume betritt, nervöse Gesten erfindet, Kleidung und Requisiten in ihr Spiel mit einbezieht, ihr Sprechtempo wechselt, die pure Energie und Spielfreude sind jede Sekunde sicht- und fühlbar.

Das Drehbuch ist straff konstruiert und springt von einem Höhepunkt zum nächsten, die Charaktere befinden sich in ständiger Entwicklung und Veränderung, und die Frage, wann Davis endlich ihrer Tochter gesteht, dass sie ihre Mutter ist, hält die zweite Filmhälfte in Dauerspannung. In der Beantwortung dieser Frage gelingt Edmund Goulding übrigens ein sehr überraschendes Ende, mit dem man so nicht gerechnet hätte. Als Regisseur kreiert er einige bemerkenswerte Einstellungen, etwa wenn Hopkins sich entschließt, Davis' Tochter zu adoptieren und die beiden im Hintergrund zu einem Schatten verschmelzen, während die unglückliche Davis im Vordergrund einsam leidet.

Kostüme und Ausstattung sind wie zu erwarten auf höchstem Niveau, DIE ALTE JUNGFER braucht nur wenige Sets (keine Außenaufnahmen) für seine packende Geschichte.
Alles in allem handelt es sich hier um einen wunderbaren Klassiker, der gut gealtert ist und heute noch dank der großartigen Darsteller überzeugt - auch, weil er niemals kitschig wird. Sehr empfohlen!

08/10

Humoreske (1946)

Nachdem Joan Crawford ihren verdienten Oscar für ihren wohl besten Film, "Mildred Pierce" (Solange ein Herz schlägt) erhielt und damit ein furioses Comeback feierte, übernahm sie die Rolle der Helen in HUMORESKE (Humoresque), die eigentlich nur als Nebenrolle gedacht war, für Crawford aber vergrößert wurde. Zwar tritt sie erst nach 30 Minuten Filmzeit auf, dominiert danach aber den gesamten Film. Kritiker halten diesen neben "Mildred Pierce" und "Possessed" (Hemmungslose Liebe) für den besten Crawford-Film.
Ohne mäkelig sein zu wollen, in meinen Augen hat HUMORESKE ein paar große Schwächen, und was Musiker-Melodramen anbelangt, ziehe ich jederzeit Bette Davis' "Trügerische Leidenschaft" vor (das hätte die gute Joan sicher gar nicht gern gehört).

In HUMORESKE spielt John Garfield den begnadeten Violinisten Paul Boray, der sich aus ärmlichen Verhältnissen zum umjubelten Geigenvirtuosen hocharbeitet und die reiche Mäzenin Crawford kennen lernt. Crawford steckt in einer lieblosen Ehe, die sie mit viel Alkohol und Liebschaften kompensiert, in Garfield aber verliebt sie sich ernsthaft. Für ihn jedoch kommt die Musik immer an erster Stelle, und bald schon droht die Beziehung endgültig zu scheitern...

Die oben erwähnten Schwächen haben alle nichts mit Crawford zu tun. Sie ist vom ersten Auftritt an (auf einer Party steckt sie sich eine Zigarette zwischen die Lippen und bekommt umgehend von sechs Männern gleichzeitig Feuer gereicht) der glamouröse Star und liefert dazu noch eine hervorragende schauspielerische Leistung ab. Sie säuft, raucht, flucht und flirtet, was das Filmmaterial hergibt, und auch unter Alkoholeinfluss sieht sie noch umwerfend aus (sie gehört zu den typischen Film-Alkoholikern, die noch im Vollrausch zu sarkastisch-brillanten Bemerkungen fähig sind). Ihre Garderobe ist exquisit, und ihr finaler Abgang, wenn sie im Abendkleid am nächtlichen Strand der rauschenden Brandung entgegenstolpert (zu Wagners "Liebestod"), ist großes Kino.

John Garfield, der sonst eher auf schlichte Draufgänger abonniert war, zeigt ebenfalls eine ansprechende Leistung, auch wenn er sein Rüpel-Image nie abschütteln kann ("Sie sehen aus wie ein Profi-Boxer" sagt ein Partygast zu ihm und hat damit völlig recht). Glücklicherweise ist das auch Regisseur Jean Negulesco bewusst und lässt Garfield durchweg flegelhaft agieren. Die Szenen zwischen Garfield und Crawford knistern vor Spannung.

Das kann man leider nicht von allen übrigen Szenen sagen. Mit seinen zwei Stunden Laufzeit ist HUMORESKE deutlich zu lang für den dünnen Plot. Der Film war ein teures Prestige-Projekt, und das merkt man in jeder Einstellung, aber viele Szenen sind extrem geschwätzig, insbesondere die Auseinandersetzungen zwischen Garfield und seinem Freund/Pianisten Oscar Levant, der einfach nie die Klappe hält. Die wundervolle Joan Chandler (aus Hitchcocks "Rope") ist mit einer undankbaren Rolle gestraft (das langweilige "nette" Mädel), und - das mag jetzt die Musikliebhaber abschrecken - es wird viel zu oft musiziert, wenn die Handlung weitergehen sollte. Natürlich ist HUMORESKE nun mal ein Film über einen Musiker, aber die Szenen, in denen Garfield Violine spielt, fühlen sich endlos an.

Ein gutes Beispiel für die Langatmigkeit des Drehbuchs ist der Beginn (HUMORESKE wird als große Rückblende erzählt), wenn wir die Kindheit von Garfield erleben. Negulesco braucht für einen simplen Vorgang, der in wenigen Minuten erzählt werden könnte (Vati nimmt Klein-Garfield mit in den Gebrauchtwarenladen an der Ecke, wo er sich ein Geburtstagsgeschenk aussuchen soll, Garfield möchte eine Violine, aber Papa ist dagegen. Mutti kauft später heimlich die Violine für ihren Sohn), eine halbe Ewigkeit.
Kein Wunder, dass der Crawford-Fan ungeduldig auf die Uhr schaut, wo sein Star denn bleibt. Ein wenig Straffung und Kürzung hätten dem Film aus meiner Sicht gut getan.

Trotz der Kritik ist HUMORESKE ein sehr unterhaltsames Melodram mit vielen Schauwerten, einer fabelhaften Crawford, einer Menge klassischer Violinkonzerte und einem grandiosen Finale.

06/10

Mittwoch, 23. Juni 2010

Sie leben (1988)

Basierend auf der Kurzgeschichte "Eight O'Clock in the Morning" von Ray Nelson inszenierte John Carpenter 1988 seine schräge Sci-Fi-Groteske SIE LEBEN (They Live).
Nach einigen teuren Flops ("Big Trouble in Little China") besann er sich auf seine Wurzeln und entwickelte nach dem gelungenen "Die Fürsten der Dunkelheit" seine originelle Idee erneut ohne großes Budget und Stars.

Wrestlingstar Roddy Piper spielt den heimatlosen John Nada ("Nada" für "Nichts"?), der als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle anheuert. Nach mehreren merkwürdigen Vorkommnissen gerät er an einen Karton mit Sonnenbrillen, durch die man die Welt sieht, wie sie "wirklich" ist. Außerirdische, zombiehafte Monster haben die Menschen völlig unter ihrer Kontrolle, die Werbeplakate zeigen simple Befehle wie "Gehorcht!" und "Konsumiert", die Reichen und Schönen verbergen hinter ihren menschlichen Fassaden abscheuliche Fratzen, während sie die Armen ausbeuten. Bald schon wird Nada gnadenlos gejagt und beschließt, zurückzuschlagen...

Dies ist eine fantastische Sci-Fi-Idee, wie sie ideal in die "Twilight Zone" passen würde, und sie kommt dem liberalen Carpenter gerade recht für seine Abrechnung mit der Reagan-Ära und den Yuppie-Werten der 80er. Der Mittelteil des Films, der das "Erwachen" von Nada schildert, ist dabei mit Abstand am besten gelungen. Carpenter setzt die "wahrhaftige" Welt in Schwarzweiß in Szene, um sie formal abzugrenzen, die Masken der Außerirdischen sind entzückend scheußlich.
Carpenters Satire ist ebenso grob wie deutlich - alle Machthaber und ihr Fußvolk, inklusive Behörden und Polizei, gehören zu den Aliens, alle "Normalbürger" und Arbeiter sind nur Marionetten. Das ist nicht besonders differenziert oder feingeistig, das muss eine Satire aber auch nicht sein. Carpenters Holzhammer-Methodik funktioniert auf amüsantem wie spannendem Niveau und sorgt gleichermaßen für Lacher wie Gänsehaut.

Was SIE LEBEN darüber hinaus so besonders macht, ist Carpenters Zeichnung der Lebenswirklichkeit seines Helden. Die Darstellung von Nadas Arbeitsumfeld und Wohnsituation (eine Großbaustelle und ein Obdachlosen-Camp) ist für Hollywood-Verhältnisse geradezu atemberaubend realistisch. Carpenter führt Nada als Streuner ein, der sowohl buchstäblich als auch im übertragenen Sinn kein Zuhause hat. Wir erfahren nur wenig über Nadas Vorgeschichte, aber er ist ein absolut ungewöhnlicher (Anti-)Held für einen Actionfilm, den man so eher im 70er-Kino finden würde.
Nada/Piper ist das Alter Ego seines Regisseurs, der sich im klassischen Autorenkino heimisch fühlt und mit dem auf Blockbuster und Spielberg'scher Harmlosigkeit angelegten 80er-Kino nichts anfangen kann.

Eine brutale Polizeiaktion, bei der das Camp praktisch überrollt wird, weist den Außenseiter-Regisseur Carpenter klar als Kind der 70er aus. Während im 80er-Kino längst die Jagd nach Geld und Macht dominierten, bleibt er seinem Misstrauen gegenüber staatlichen Organisationen, Kirche und Kapital treu. Die Widescreen-Kamera von Gary B. Kibbe leistet wie üblich bei Carpenter hervorragende Arbeit, und Carpenters Musik sorgt wie immer für atmosphärische Begleitung.

Die Schwächen von SIE LEBEN liegen beim Drehbuch und der Besetzung. Carpenter, der selbst das Buch verfasste, braucht zu lange, um zu seinem Kernpunkt zu kommen, der "Alien-Vision". Die Ereignisse vorher sind nicht uninteressant, aber die Geduld des Zuschauers wird arg strapaziert, besonders für diejenigen, die schon wissen, worum es im Film geht. Diese Struktur schadet auch dem mehrmaligen Sehen, bei dem das erste Drittel zäher und zäher wirkt.
So lange Carpenter für den ersten "Einsatz" der Sonnenbrillen braucht, so zeitig bricht er den Film ab. Man merkt, dass die Idee im Grunde für eine Kurzgeschichte besser geeignet ist, denn ab dem Zeitpunkt der "Offenbarung" für Nada passiert zwar viel - es wird geschossen, aus Fenstern gesprungen und gerannt - die Idee selbst aber wird nicht weiterentwickelt, und der Film endet ebenso abrupt wie unbefriedigend - wobei man sagen muss, dass Carpenters angehängter Epilog sehr komisch ist (alle Welt kann nun die wahre Gestalt der Aliens erkennen, und ein TV-Filmkritiker in Alien-Gestalt beschwert sich über die Gewalt im Kino eines Carpenter und Romero).

Anders als in seinem Kult-Klassiker "Die Klapperschlange" gelingt es Carpenter hier nicht wirklich, seine originelle Idee mit einer schlüssigen, spannenden Geschichte zu verbinden. Eine lange Prügelei zwischen Piper und Co-Star Keith David wird von Carpenter (bewusst) so ausgewalzt, dass sie zur Absurdität verkommt und den Film kurz zum Stillstand bringt.
Wrestler Roddy Piper ist leider nur ein schwacher Ersatz für einen Kurt Russell, der so oft Carpenters erste Wahl war. Piper besitzt die nötige physische Präsenz, aber er kann kaum Emotionen ausdrücken. Auch der Rest des Casts bleibt unbeeindruckend, wenngleich solide. Der Verzicht auf Stars kommt dem Film und seinem Milieu sicher zugute, aber ein paar schauspielerische Glanzlichter in Nebenrollen wären schön gewesen (wo ist Donald Pleasence, wenn man ihn braucht?).

Auch wenn das nach einiger Kritik klingt, kann ich SIE LEBEN ganz klar empfehlen. Carpenters Film mag nicht ganz rund sein, aber er ist amüsant, persönlich, weist eine klare Handschrift auf und ist dank der genialen Grundidee sehr viel unterhaltsamer als die meisten Vertreter des späten 80er-Kinos. SIE LEBEN ist ganz klar der Film eines Außenseiters, der sich mit dem aktuellen Hollywood-Kino und der gesellschaftlichen Situation nicht abfinden will, das macht ihn ebenso sympathisch wie bemerkenswert.

07/10

Dienstag, 22. Juni 2010

Samen des Bösen (1981)

Preisfrage: Wie großartig ist Ridley Scotts "Alien"? Antwort:
So
großartig, dass man sogar die unzähligen schlechten Nachahmer (bis heute) dafür in Kauf nimmt. Auch diesen hier, der zu den geschmacklosesten, billigsten und unterhaltsamsten Kopien gehört: SAMEN DES BÖSEN (Inseminoid), in dem es allerdings nicht um teuflische Sexspiele ohne Verhütungsmittel geht, wie der deutsche Titel suggeriert.

Um Sex im weitesten Sinne geht es schon, und zwar den zwischen einem Alien und der Astronautin Judy Geeson, die mit ihrer Crew unterwegs durchs All auf einem merkwürdig purpurfarbenen Planeten landet, um dort archäologische Forschungen zu betreiben, dort aber von Außerirdischen entführt und von einem unheimlichen Wesen geschwängert wird. Kurz darauf bläht sich nicht nur ihr Bauch auf, sondern sie entwickelt eine geifernde Mordlust, und die Kollegen müssen kämpfen, um die Schwangere aus der Hölle abzuwehren...

Klingt doch ganz lustig, ist es auch stellenweise. Sets und Ausstattung sind lächerlich, die "Alien"-Abgucker offensichtlich, ein bisschen Gänsehaut kann SAMEN DES BÖSEN durch die Musik von John Scott und eine kühle Atmosphäre erzeugen. Die blutigen Spezialeffekte halten sich leider dank des niedrigen Budgets in Grenzen, niedlich aber sind die explosiven Kühlschrankmagneten, die Judy Geeson in der Weltraumstation verteilt, um an die letzten überlebenden Teammitglieder heranzukommen, die sich verschanzt haben.

Der wissenschaftliche "Fachjargon", den die flachen Charaktere von sich geben, ist stets unfreiwillig komisch. Als Zuschauer bekommt man nie einen Überblick, wie viele Leute eigentlich zur Crew gehören, wer noch übrig ist, und wer welche Position besetzt. Sehr viele Passagen spielen in einer unterirdischen Mine, es wird viel gerannt, gestolpert und hingefallen. Regisseur Norman J. Warren beweist ein wenig Fantasie in der Farbgebung und einigen bizarren Set Pieces, die SAMEN DES BÖSEN so herrlich konsumierbar machen.

Die drittklassigen Darsteller versuchen durchweg, todernst zu bleiben. Unter ihnen befinden sich auch die spätere 'Mrs. Steve Martin', Victoria Tenant, sowie das "Colbys"-Miststück Stephanie Beacham, die schon in "Dracula jagt Mini-Mädchen" (1972) vom berühmten Blutsauger verfolgt wurde und nun in die Hände einer grausamen Schwangeren fällt.
Judy Geeson, ansonsten eine verlässliche britische Darstellerin, verbringt die meiste Filmzeit nach der außerirdischen Befruchtung damit, vor Schmerzen zu schreien (das schnelle Wachstum ihrer Brut tut offensichtlich weh), was bereits nach 20 Minuten unglaublich nervt. Die finale Geburtsszene, in der sie die Alien-Zwillinge zur Welt bringt, ist kaum auszuhalten vor lauter Gekreische.

Wer nach Weltraum-Horror sucht, sollte gleich zu "Alien" greifen - es gab, gibt und wird nie einen besseren Sci-Fi-Horrorfilm geben. Wer die kleine, böse und etwas zurückgebliebene Halbschwester von "Alien" sehen will, der kann dem "Samen des Bösen" einen Besuch abstatten.

05/10

Eine Frau steht ihren Mann (1988)

Nachdem das Stück "The Front Page" von Ben Hecht (1931) bereits mehrfach verfilmt wurde (einmal 1940 als "His Girl Friday" mit Cary Grant und Rosalind Russell, eine klassische Screwball-Comedy, und dann 1974 von Billy Wilder, mit Jack Lemmon und Walther Matthau als "Extrablatt"), nahm sich "Rambo"-Regisseur Ted Kotcheff des Stoffes an und verlegte die Handlung zeitgemäß in die Fernsehbranche.

Kathleen Turner spielt die erfolgreiche TV-Nachrichtenfrau Christy Colleran, die ihre Urlaubsbekanntschaft Blaine (Christopher Reeve) heiraten und aus dem News-Business aussteigen möchte. Ihr Ex-Mann John (Burt Reynolds), Chef der Nachrichten, will das um jeden Preis verhindern und schickt sie zu einem letzten Auftrag - ein Interview mit einem (unschuldig) zum Tode Verurteilten (Henry Gibson), welches eine Welle von Protesten und politischen Wellenschlägen auslöst. Als der Todeskandidat vor der Hinrichtung flieht und Christy ihn verstecken muss, überschlagen sich die verrückten Ereignisse...

EINE FRAU STEHT IHREN MANN (Switching Channels) kann an die berühmten Vorbilder nicht anknüpfen und war ein gewaltiger Misserfolg in den Kinos. Fairerweise muss man sagen, dass auch die Billy Wilder-Version nicht wirklich gelungen und ein Flop war.

Regisseur Ted Kotcheff weiß zwar, wie man das Tempo anzieht, was für die Geschichte zwingend notwendig ist (weil sie voller Unlogik steckt), und er weiß, wie man Action inszeniert (was im durchgedrehten Finale hilft), aber er besitzt nicht unbedingt das Gefühl für komödiantisches Timing. Die Schauspieler wirken ebenfalls allein gelassen. Burt Reynolds darf man schon als Fehlbesetzung bezeichnen, denn er kann zwar den Macho spielen, aber als Chef der Nachrichten eines großen Senders stellt man sich doch nicht gerade jemanden wie Reynolds vor. Dazu hat er sein Mindesthaltbarkeitsdatum deutlich überschritten und wirkt oft ausgezehrt. Als romantischer Partner für die starke Kathleen Turner macht er keine gute Figur, ihr gemeinsames Happy-End wirkt aufgesetzt und unglaubwürdig.

Christophe Reeve zeigt Spaß am Herumalbern und macht sich über sein Image lustig, während Kathleen Turner sich ein wenig zu sehr um Lacher bemüht und die Selbstverliebtheit ihrer Figur übertreibt. Turner befand sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, hatte eine Oscar-Nominierung hinter sich und mit dem "Rosenkrieg" (indem sie sehr viel kontrollierter und wesentlich komischer agiert) einen Mega-Erfolg in der Tasche. Der Misserfolg von EINE FRAU STEHT IHREN MANN hat ihr sehr geschadet, nach einigen weiteren Flops (und schwerer Krankheit) war ihre Karriere als Leading Lady beendet.
Die beste Leistung zeigt Ned Beatty als rechter, korrupter Politiker, der kurz vor der Wahl steht und alles dafür tun würde, die verhassten Nachrichtenleute loszuwerden (inklusive Erschießung).

Das Drehbuch weist nur gelegentlich den Witz auf, der die 1940-er Version zum Klassiker werden ließ, dafür schießt Ted Kotcheff scharf gegen Medien, Politik, Todesstrafe und was ihm sonst noch vor die Mündung läuft. Auch wenn dem Film die brillanten Dialoge fehlen, unterhaltsam ist er auf jeden Fall, und Langeweile entsteht dank der turbulenten Ereignisse nie. Am besten funktiniert er, wenn er geschmacklos wird - etwa, wenn sich die Geliebte des Verurteilten von einer Brüstung in den Treppenaufgang stürzt und - auf dem Boden angekommen - von Reportern mit Fragen wie "Hat es weh getan?" bestürmt wird.

Zu den Höhepunkten gehören der (absurde) Gefängnisausbruch im letzten Akt, in deren Verlauf sich der zum Tode verurteilte in einem Kopierer verstecken muss, ein Fahrstuhlausflug des unter Höhenangst leidenden Christopher Reeve, bei dem Kathleen Turner nur dank ihrer Verführungskünste eine Katastrophe verhindern kann, und das finale Shoot-Out, bei dem Ned Beatty mit seiner Spezialeinheit alles niederballert, was ihm in den Weg kommt. In der wohl besten Szene beschimpft Kathleen Turner ihren Ex Reynolds wüst im Nachrichtenstudio, muss sich aber umgehend zusammenreißen, wenn die Live-Nachrichten losgehen. Hier stimmen Tempo und Timing auf den Punkt, und Turners Stimmungswechsel ist perfekt.

EINE FRAU STEHT IHREN MANN ist in Deutschland unter so vielen verschiedenen Titeln auf Billig-DVD-Labels veröffentlicht worden, dass man komplett den Überblick verliert. Das zeigt leider deutlich, welchen Status er besitzt.

06/10

The Seventh Victim (1943)

Produzent Val Lewton, der für einige der ungewöhnlichsten und suggestivsten Horrorfilme der 40er wie "Cat People" und "I Walked with a Zombie" verantwortlich zeichnete, schickte Drehbuchautor Dewitt Bodeen zu einem Treffen von Satanisten, um seinen bislang düstersten Film vorzubereiten: THE SEVENTH VICTIM.
Lewton, der sich in all seinen Filmen besessen von Tod und Morbidität zeigte, wählte als Regisseur für dieses Schreckensgemälde nicht wie üblich Jacques Tourneur, sondern den Cutter Mark Robson aus, der hier sein Regiedebüt gab.

Der Inhalt: die junge Mary Gibson (Kim Hunter) verlässt die sicheren Mauern eines Internats, um in der Großstadt New York ihre Schwester Jacqueline (Jean Brooks) zu suchen, die auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Offenbar steht sie mit einem Teufelskult in Verbindung, der sie in den Selbstmord treiben will. Mary findet einige Helfer auf ihrer Reise durch die nächtliche Hölle, doch auch sie können Jacquelines Schicksal nicht verhindern...

THE SEVENTH VICTIM genießt einen extrem guten Ruf (auch, weil er nie in Deutschland gezeigt wurde), dem er vielleicht nicht ganz gerecht werden kann, dennoch handelt es sich um einen atemberaubend beklemmenden Film, der dem Wort "Noir" ganz neue Bedeutung gibt. Anspielungen auf Hölle, Tod und Verzweiflung stecken in allen Details, vom Restaurant "Dante", das eine zentrale Rolle spielt, bis zum abschließenden John Donne-Zitat "I run to death, and death meets me es fast, and all my pleasures are like yesterday".
Humor ist nicht einmal im Ansatz vorhanden, einige Nebencharaktere bleiben unvergesslich, wie die todkranke Prostituierte, die über dem "Dante" wohnt und für einen letzten Spaziergang das Haus verlässt, nachdem sie einen wundervollen Monolog über den Tod gehalten hat.

Die Darsteller, darunter Bekannte aus den Lewton-Produktionen wie Tom Conway ("Cat People"), fügen sich perfekt in das stimmungsvolle Schwarz des Gesamtkunstwerks, herausragend aber ist Jean Brooks als geisterhafte Jacqueline. Ähnlich wie Conways somnambule Ehefrau in "Ich folgte einem Zombie" ist sie eine tragische und gleichzeitig beängstigende Figur. Sie taucht erst spät auf, Frisur und Aufmachung erinnern nicht von ungefähr an eine weitere Brooks, nämlich Louise, sie wirkt wie eine Untote, die aus den Stummfilmen übrig geblieben ist.

THE SEVENTH VICTIM fehlt es ein wenig an Tempo und an schlüssiger Konstruktion (einige Plot-Details bleiben merkwürdig ungeklärt), doch er bietet wundervolle Momente wie Kim Hunters Begegnung mit einigen düsteren Gestalten in der leeren U-Bahn, die einen Betrunkenen in ihrer Mitte stützen, bis sich herausstellt, dass er weniger betrunken als ermordet ist, oder eine Zusammenkunft von Satanisten (die Autor Dewitt Bodeen nach seiner oben erwähnten, realen Erfahrung nachstellte), welche interessanterweise nicht als Psychopathen dargestellt werden, sondern als alltägliche, höfliche Gesellen, von denen an sich keine Bedrohung ausgeht. Damit ist THE SEVENTH VICTIM der Vorreiter von späteren Meisterwerken wie Polanskis "Rosemary's Baby". Und nicht nur das - beinahe 20 Jahre vor "Psycho" inszeniert Robson hier eine Duschszene, in der ein unheimlicher Schatten hinter dem Duschvorhang auftaucht (fast 1:1 von Hitchcock übernommen!). Und wenn Jean Brooks von einem Satanisten mit blitzendem Messer durch die menschenleeren nächtlichen Straßen gejagt wird, sollte man als Zuschauer starke Nerven haben. Nichts aber in THE SEVENTH VICTIM übertrifft das Ende, das so makaber und bitter gelungen ist, dass es für mehr als eine Gänsehaut sorgt.

THE SEVENTH VICTIM gehört zu den großen Horrorfilmen der 40er und ist ein Must-See für Genre-Fans.

09/10

Samstag, 19. Juni 2010

Siesta (1987)

Bevor Mary Lambert mit der Stephen King-Verfilmung "Friedhof der Kuscheltiere" (1988) einen Hit landen konnte, inszenierte sie 1987 diesen bizarren Mix aus Erotik-Thriller und Roadmovie mit Mystery-Elementen.

Der Inhalt: Stuntfrau Claire (Ellen Barkin) wollte eigentlich zu PR-Zwecken mit einem Fallschirm in einen Vulkan springen, jetzt liegt sie mit einem blutbeschmierten Kleid an einer Rollbahn irgendwo in Spanien und kann sich an nichts mehr erinnern. Während sie sich auf die Suche nach den verlorenen Stunden macht (und einer schrecklichen Tat auf die Spur kommt), sieht sie Erinnerungsfetzen, die sich nach und nach zusammenfügen...

Das klingt spannend, aber die Umsetzung von Mary Lambert ist so konfus geraten, dass man als Zuschauer eher verwirrt durch die vielen Bruchstücke, Ereignisse, Rück- und Vorausblenden tappt. Formal erinnert SIESTA an die Filme von Nicolas Roeg, ein bisschen auch an Lynch. Lambert, die vom Musikvideo kam, nutzt alle möglichen technischen Tricks, um ihren Film als Kunst durchgehen zu lassen. Stilistisch ist SIESTA beeindruckend, das kann man nicht anders sagen. Die flirrende Hitze der Bilder, die kühne Erotik - verkörpert durch eine sensationell sinnliche Ellen Barkin - und ein jazzgetränkter Soundtrack von Miles Davis schaffen die wirklich greifbare Atmosphäre eines schwülen Sommer-(Alp)Traums.

Das Schauspieler-Ensemble kann sich ebenfalls sehen lassen - Jodie Foster, Grace Jones, Julian Sands, Gabriel Byrne, Isabella Rossellini und Martin Sheen - welcher Filmfreund gerät dabei nicht in Ekstase? Man fragt sich trotzdem, was sie alle in diesem merkwürdigen Film zu suchen haben.
SIESTA ist sicher kein Film für jeden Geschmack. Ich weiß selbst nicht, ob er mir nun gefällt oder nicht, er hat einige Schauwerte, ein paar Bilder sind mir nie aus dem Kopf gegangen (wie der Beginn, wenn Barkin ihr blutverschmiertes Kleid auszieht und sich nach einem Bad im Fluss zum Trocknen in die Sonne legt), man kann SIESTA aber auch leer, prätentiös und albern (sogar unfreiwillig komisch) finden, er war übrigens für mehrere Goldene Himbeeren nominiert.

Trash oder Kunst? Die Grenzen sind so fließend...

03/10

Die Frau aus dem Nichts (1968)

SECRET CEREMONY (deutscher Verleihtitel: DIE FRAU AUS DEM NICHTS) von 1968 gehört zu den merkwürdigsten und faszinierendsten Filmen, die Elizabeth Taylor je gemacht hat. Bei uns kaum zu sehen und auch im Rest der Welt weitgehend unbekannt, wird es langsam Zeit für eine Neuentdeckung, denn hier handelt es sich um ein faszinierendes Psychodrama, düster und intensiv.

Die Story: Leonora (Taylor) ist eine in die Jahre gekommene Prostituierte, die ihre Tochter verloren hat. Cenci (Mia Farrow) lebt allein in einer noblen Londoner Villa, seit ihre Mutter gestorben ist. Als die beiden sich zufällig in einem Bus begegnen, glaubt Cenci in Leonora ihre Mutter wieder zu erkennen und nimmt sie mit nach Hause. Leonora lässt sich auf das Spiel ein. In der klaustrophobischen Atmosphäre der einsamen Villa verschieben sich bald die Identitäten, und ein Psychodrama nimmt seinen merkwürdigen Lauf...

Regisseur Joseph Losey, Spezialist für britische Arthaus-Filme (sein bekanntestes Werk ist wohl THE SERVANT - DER DIENER mit Dirk Bogarde), der kurz zuvor mit Elizabeth Taylor den eher missglückten BOOM - BRANDUNG gemacht hat, inszeniert die bizarre Story mit viel unheimlicher Stille (die ersten 15 Minuten laufen fast völlig ohne Dialog ab) und schwarzem Humor. Er fängt die klaustrophobische Atmosphäre der alten Villa perfekt ein. SECRET CEREMONY ist ein Film, auf den man sich wegen seiner Sperrigkeit bewusst einlassen muss, um ihn zu genießen, und er ist sicher nicht jedermanns Sache, schon allein weil er keine "Handlung" im klassischen Sinn hat. Er nutzt nur konsequent seine Grundsituation, um in die verschrobenen Psychen der Charaktere einzutauchen. Das Drehbuch stammt übrigens von Schriftsteller George Tabori ("Mutters Courage", Drehbuch zu Hitchcock's "Ich beichte").

Elizabeth Taylor liefert hier eine klasse Leistung ab, vielleicht die Beste in der Spätphase ihrer Karriere. Ihre Leonora ist zugleich hilflos und dominant, vulgär und sensibel. Als Cencis gewalttätiger Vater unerwartet auftaucht (gespielt von Robert Mitchum mit einem falschen Bart, den man gesehen haben muss), ergreift sie die Initiative, schlüpft in die falsche Mutterrolle und verteidigt ihre "Tochter" gegen ihn. Cenci selbst ist so gestört, dass sie sich u.a. ein Kissen unter das Kleid steckt und glaubt, sie sei schwanger. Mia Farrow spielt diese Neurotikerin mit aller Zerbrechlichkeit, die sie aufbringen kann. In Nebenrollen brillieren Peggy Ashcroft und Pamela Brown als raffgierige Tanten von Farrow.

SECRET CEREMONY ist sicher kein Film für zwischendurch, ich kann ihn aber jedem Filmliebhaber empfehlen, der sich abseits vom Mainstream ungewöhnlich unterhalten möchte. Er bietet jede Menge Ideen, klasse Schauspieler und eine beunruhigende Atmosphäre. Elizabeth Taylor-Fans sollten ihn unbedingt sehen, am besten im Doppelpack mit SPIEGELBILD IM GOLDENEN AUGE, der nicht weniger bizarr ist.

Der Film ist bislang nur als UK-Import in englischer Sprache (mit englischen Untertiteln) zu haben. Leider befinden sich keine Extras auf der DVD. Die Bildqualität ist jedoch ausgezeichnet (Bildformat 1,85:1). Ein persönlicher Geheimtipp!

08/10

Landhaus der toten Seelen (1976)

Horrorfilme über Spukhäuser gibt es viele, und die meisten leiden unter dem Problem, dass die Charaktere wider besseren Wissens in ihrem Horror-Haus wohnen bleiben, anstatt einfach die Flucht zu ergreifen. Dan Curtis' Gruselschocker BURNT OFFERINGS (Landhaus der toten Seelen) bietet zumindest eine erstklassige Besetzung, einige gelungene Schauderszenen und eine relativ originelle Grundidee, auch wenn er gelegentlich in unfreiwillige Komik abdriftet.

Das Ehepaar Karen Black und Oliver Reed (diese Paarung muss man sich auf der Zunge zergehen lassen) zieht über den Sommer mit ihrem unausstehlichen Sohn (Lee Montgomery) und der alten Tante Elizabeth (Leinwandlegende Bette Davis) in ein gewaltiges Herrenhaus. Dort sollen sie sich um das Gebäude sowie eine ältere Dame kümmern, die im obersten Stockwerk wohnt, aber nie zu sehen ist. Man könnte sich zwar fragen, wer um alles in der Welt seine greise Muter einfach so fremden Leuten für den Sommer überlässt, da es sich bei den Vermietern aber um die skurrilen Burgess Meredith und Eileen Heckart handelt, stellt sich die Frage eher weniger.

Nicht lange, und es geschehen merkwürdige Dinge. Das etwas heruntergekommene Haus erneuert sich selbst (indem es den "frischen" Bewohnern die Lebensenergie aussaugt, ein sehr schauriger Gedanke), verwelkte Blumen erblühen wieder, Karen Black entwickelt ein "Jack Nicholson/Shining"-Syndrom und fühlt sich dem Haus immer mehr verbunden, hüllt sich in altmodische Klamotten und bekommt graue Haare, Tantchen Davis erleidet einen Herzinfarkt, ein Swimming Pool wird zum mörderischen Spaßbad, Pflanzen versuchen, die Flucht der Familie zu verhindern, und Oliver Reed durchleidet neben Gesichtskrämpfen schreckliche Alpträume, in denen er von einem unheimlichen Leichenwagen-Chauffeur gepeinigt wird.

Besagter Chauffeur wurde übrigens von Dan Curtis zufällig im Filmteam entdeckt und aufgrund seines gespenstischen Äußeren umgehend besetzt. Die großartige Bette Davis wird leider in einer etwas undankbaren Rolle verschwendet, allerdings spielt sie ihren Herzinfarkt mit realistischer Intensität. Reed und Black übertreiben unentwegt, und man fragt sich, ob dem Film die Komik bewusst ist, wenn Black sich mehr über eine zerbrochene Schüssel aufregt als über die Tatsache, dass sie sich immer mehr in Norman Bates' Mutter verwandelt.
Sohnemann Lee Montgomery hat bereits im Ratten-Sequel "Ben" mit seiner menschelnden, süßlichen "Was bin ich heute wieder knufffig"-Art zu Tode genervt, und auch hier hofft man zeitig, dass er von einer herumfliegenden Dachlatte erschlagen wird. 

Mich persönlich haben am meisten die Familienfotos gegruselt, die im Haus aufgereiht sind und Menschen mit sehr merkwürdigen Gesichtsausdrücken zeigen (darunter übrigens auch Regisseur Curtis und andere Team-Mitglieder). Hier besitzt der Film eine Subtilität, die ihm an anderer Stelle oft fehlt.

Alles in allem muss man BURNT OFFERINGS objektiv wohl nicht gesehen haben, ich liebe ihn aber wegen seines 70er Charmes , der schrägen Stars, und weil er trotz weniger Längen einfach Spaß macht. Ich kann ihn immer wieder sehen, am liebsten im Sommer. Definitiv ein Guilty Pleasure und hochgradig unterschätzt!

09/10

King Kong (1976)

"The Most Exciting ORIGINAL (!) Motion Picture of All Time"??
Wohl kaum.

Das KING KONG-Remake kam 1976 mit Riesen-Aufwand in die Kinos. Produzent Dino De Laurentiis sorgte während der Dreharbeiten für einen derartigen Rummel, dass die Presse bereits voreingenommen war, als der Film endlich das Licht der Leinwand erblickte. Demzufolge wurde er auch verrissen, was das Zeug hält. Er war ein Mega-Flop und beendete die Karriere von Jessica Lange für drei Jahre (glücklicherweise nicht für immer), erhielt einen lauthals ausgelachten Oscar für die 'Spezialeffekte', die gar nicht so spezial waren, weil sie als vollkommen neuartig angekündigt wurden, dann aber aus Kostengründen schließlich aufgegeben wurden. Letzten Endes ist der Riesenaffe nur Effektspezialist Rick Baker im Affenkostüm.

Die erste Hälfte von KING KONG kann sich dabei durchaus sehen lassen. Regisseur John Guillermin, Spezialist für aufwendige Projekte ("Flammendes Inferno"), schafft eine starke Atmosphäre und schöne Bilder (besonders die Aufnahmen des Ozeans und der Insel sind hervorragend). John Barry hat einen seiner besten Scores für den Film komponiert und schafft ein episches, aber unheimliches Stimmungsbild. Das war es dann aber auch schon. Beinahe alles, was nach Kongs erstem Auftritt kommt, kann dem Beginn nicht mehr  gerecht werden. Allein das Finale auf dem World Trade Center schafft noch einmal Spannung und Emotion.
Die Modernisierung der Story (statt einer Filmcrew ist nun eine Ölfirma unterwegs auf der Suche nach neuen Quellen) scheint zunächst logisch, lässt den Film aber furchtbar altern. Während das Original von zeitloser Klasse ist, landet Guillermins KING KONG mit all seinen Holzhammer-Öko-Botschaften, den bärtigen Helden (Jeff Bridges, der sich hinter seiner Gesichtsbehaarung versteckt), dummen Blondinen (Jessica Lange fragt Kong nach seinem Sternzeichen) und idiotischen Charakteren (Charles Grodin trifft als Leiter der Expedition eine saublöde Entscheidung nach der anderen) zielsicher im Exploitation-Trash-Bereich der 70er, er sieht nur teurer aus.

Mir persönlich ist der Film wegen seines 70er Charmes trotzdem lieber als das vollkommen überproduzierte 2005er Remake von Peter Jackson, das komplett aus dem Computer kommt und im letzten Akt dann auch noch (festhalten) NIEDLICH wird (Kong und Naomi on Ice). Was mich bei beiden modernen Varianten extrem stört ist die ausgewalzte 'Liebesgeschichte' zwischen Kong und unserer Hauptdarstellerin. Zur Erinnerung: im Original war Kong ein Schreckensmonster, das aber eine sensible Seite besaß und seine 'weiße Frau' Fay Wray am Ende beschützen wollte. Sie war dennoch heilfroh, aus den Klauen des Untiers entkommen zu sein, udn das Höchste der Gefühle für sie war Empathie. In den Remakes müssen sich Lange und Watts wie geistesgestörte Idiotinnen aufführen und sich gleichermaßen in das Zottelviech aus dem Dschungel verlieben.
Entschuldigung, aber was für eine kiloschwere, gequirlte Affenkacke!

06/10

Die letzte Metro (1980)

Wir schreiben das Jahr 1942. Im von Nazis besetzten Paris muss die Bühnendarstellerin Marion Steiner (Catherine Deneuve) ihren Ehemann und Intendanten Lucas Steiner (Heinz Bennent) im Keller seines Theaters verstecken, während der Theaterbetrieb unter schwierigsten Bedingungen fortgesetzt wird. Von seinem Versteck aus inszeniert Lucas die Stücke und wird Zeuge, wie sich langsam eine Liebesbeziehung zwischen seiner Frau und dem jungen Schauspieler Bernard (Gérard Depardieu) anbahnt...

DIE LETZTE METRO aus dem Jahr 1980 gehört zu den größten Publikumshits von Francois Truffaut und hat zahlreiche internationale Preise abgeräumt.

In erster Linie aber ist der Film eine Liebeserklärung an Catherine Deneuve und das Theater. Deneuve ist die perfekte Verkörperung von Schönheit, Würde und Stolz, hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Loyalität auf der einen Seite, Liebe und Begehren auf der anderen. Sie trägt die Verantwortung für das Theater, ihr Ensemble, für das Leben ihres Mannes, und sie trägt auch den Film. Ihre wachsende Zuneigung zum jungen Gerard Depardieu, der an ihrer Seite seine erste Rolle für Truffaut spielt, wird lediglich in kleinen Gesten und Blicken ausgedrückt. So wie sich Lucas hinter den Mauern des Theaters verbirgt, so verbirgt auch Deneuve ihre Emotionen hinter unergründlicher Fassade.

DIE LETZTE METRO erzählt von Widerstand und Aufrichtigkeit, der Rolle von Kunst und Künstlern im wahren Leben (ähnlich wie Lubitschs "Sein oder Nichtsein"), der Film ist ein reiches und reifes Werk, spannend, komisch und anrührend, voll schillernder Charaktere und Emotionen.

09/10

Barry Lyndon (1975)

Unter den vielen großartigen Meisterwerken des unvergessenen Stanley Kubrick wird BARRY LYNDON von 1975 wohl am sträflichsten vernachlässigt. In der kürzlich für HD-DVD und Blu-Ray bearbeiteten Reihe der Kubrick-Filme fehlt er skandalös. Dabei handelt es sich hier um einen der reichsten und zeitlos schönsten Filme, die der Meister je geschaffen hat. Seine epochale Länge von knapp drei Stunden fordert viel Aufmerksamkeit vom Zuschauer, die Kubrick erschwert, indem er ihm jede Identifikationsfigur vorenthält. Dass er damit sämtliche Erwartungen an ein Kostümdrama unterläuft, sollte niemanden abschrecken, sich diesem Jahrhundertfilm zu nähern.

BARRY LYNDON erzählt den Aufstieg des jungen Iren Redmond Barry (Ryan O'Neal) im 18. Jahrhundert, der es zu gesellschaftlich hoher Stellung und der Ehe mit einer wunderschönen sowie reichen Frau (Marisa Berenson) bringt, auf dem Weg dorthin sämtliche Moralvorstellungen vergisst und schließlich in der Hassliebe zu seinem Stiefsohn tief fällt.
Barrys Geschichte beginnt und endet mit einem Duell, erzählt wird sie von einem süffisanten, zynischen Off-Kommentar. Früh lernt Barry, dass es sich nicht lohnt, im Leben für irgendetwas zu stehen, zu lieben, oder zu kämpfen. Dieser Fatalismus ermöglicht seinen Aufstieg und macht ihn zu einem verachtenswerten Opportunisten.

Doch ist seine Gefühlswelt weitaus komplexer als auf den ersten Blick erkennbar. Kubrick filmt die Tragödie in Bildern, die der zeitgenössischen Malerei nachempfunden sind. Kubrick und sein Kameramann John Alcott experimentierten viel mit naturalistischem Licht, als erstem Regisseur der Filmgeschichte gelang es ihm, Szenen nur mit Hilfe von Kerzenlicht zu leuchten. Selbst wenn man sich für keine der Figuren erwärmen will - die Bilder brennen sich tief ins Gedächtnis, bestechen durch ihre Schönheit und den obsessiven Zwang zur Symmetrie (den Kubrick in seinem folgenden Film "Shining" weiter verfolgen sollte). Mit äußerster Detailversessenheit stellt Kubrick Schlachtszenen des Siebenjährigen Krieges nach.

Schauspielerisch hat BARRY LYNDON Publikum und Kritiker heftig gespalten. Das emotionsarme Spiel von Ryan O'Neal und Marisa Berenson wurde bemängelt. Doch das ist Konzept. Die Welt, in der Barry Lyndon sich bewegt, wird bestimmt von Masken, Chiffren und Manieren, welche die wahre Natur der Menschen verbergen. Sie wandeln wie in Trance durch perfekt angelegte Gärten und Labyrinthe. Sie sind schön und seelenlos, nur so können sie überleben. Kubrick verweigert jegliche romantische Verklärung der Epoche, auch deswegen stößt BARRY LYNDON viele Zuschauer ab. Die Liebesgeschichte von Barry und Lady Lyndon ist eine der leblosesten, kältesten Beziehungen, die je auf Zelluloid gebannt wurden.

BARRY LYNDON kostete 11 Millionen Dollar und war ein gewaltiger Flop, trotzdem er 4 Oscars erhielt (für Musik, Ausstattung, Kamera und Kostüme). Seitdem wurde sein Ruf nie wirklich erneuert. Es wird Zeit. BARRY LYNDON ist ein großes Meisterwerk der Filmkunst.

10/10

Der Mephisto-Walzer (1971)

In DER MEPHISTO-WALZER (The Mephisto Waltz) spielt der große Curd Jürgens einen sterbenden Pianisten, der einen Pakt mit dem Satan schließt und seine Seele in den jüngeren Körper von Alan Alda überträgt. Als dessen Ehefrau Jacqueline Bisset merkt, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmt, bricht der Horror erst richtig los...

Klingt spannend, ist es aber nur bedingt. "Mephisto-Walzer" gehört zum Genre des Okkult-Horrors, das nicht viele gute Filme hervorgebracht hat. Die Besetzung ist hervorragend, Jerry Goldsmith hat einen netten Score komponiert, und Regisseur Paul Wendkos baut viele psychedelische Traumsequenzen ein, um das satanische Geschehen aufzupeppen. Höhepunkt ist ein Maskenball, bei dem ein Hund eine Menschenmaske trägt. Das hilft aber leider nicht über die Dümmlichkeit der Story und die unsympathischen Charaktere hinweg.

Echte Spannung kommt nur im Finale auf, und das Positivste am Film ist neben einem sehr ausgefallenen Vorspann das Ende, das hier nicht verraten werden soll.

04/10
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